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Pop-Up Pirate (WiiWare)
Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere von euch an ein Brettspiel, bei dem ein Plastikpirat in einem Fass hockte und ihr Schwerter in dieses Fass stecken musstet, immer in der Hoffnung, dass ihr dabei eurem Kapitän nicht zweiteilt. Doch irgendwann geschah es per Zufallsprinzip, dass ein Mechanismus ausgelöst wurde und der Einäugige mit einer Sprungfeder nach oben geschleudert wurde. Wessen Messer diese Untat beging, hatte verloren. In den 90er Jahren waren solcherlei Spiele beliebt. Neben dieser Piratenvariante gab es zum Beispiel auch den „Kroko Doc“, dessen Aufgabe es war, einem kranken Krokodil die Zähne zu ziehen. Erwischte man den falschen, schied man auch hier aus. Gibt es diese Spiele auch heute noch? Scheinbar schon, denn zumindest die japanischen Entwickler von Tomy sind auf den Pirat gekommen und dachten sich wohl, dass sich dieses simple Glücksspielchen auch ideal als WiiWare-Versoftung eignen würde… Tut es nicht. Das 500 Nintendo-Punkte teure Werk hält insgesamt zwei völlig verschiedene Modi für euch bereit. Die „Pop-Up Party“ entführt euch in eure Jugend und setzt quasi naturgetreu das Originalbrettspiel um. Entsprechend tritt man hier mit mehreren Spielern an. Bei „Pop-Up Logic“ dagegen handelt es sich um einen eigenständigen Einzelspielermodus, der – wie der Name vermuten lässt – etwas mit Logik zu tun hat. Verwundert mag der eine oder andere die Augenbrauen heben und sich fragen, ob hier ein ernsthaftes Denkspiel entstanden sein könnte. Ja und nein. Ernsthaft schon, denn dieser Modus ist letztlich nichts anderes als Minesweeper, das kostenlos auf jedem Windows-PC installiert ist. Nein, weil…ach, lest selbst!

In eurem Fass befinden sich in drei Reihen übereinander jeweils zwölf Einstechlöchern. An euch liegt es, alle möglichen Einstechlöcher mit Schwertern aufzufüllen, aber diejenigen auszulassen, die dem Kapitän im Fass ernsthaft schaden könnten. Gestalten sich die ersten zwei, drei Züge noch als wahres Harakiri-Unternehmen (es herrscht der blanke Zufall), zeigen dann Zahlen bei den Löchern an, wie viele „gefährliche“ Löcher in der Nähe sind. Sticht man also mit einem Schwert zu und es erscheint eine „1“ an diesem Loch, weiß man als Spieler, dass unter den jeweils vier bzw. sechs benachbarten Löchern eines dabei ist, welches abgedeckt werden muss. Minesweeper-Profis werden sich jetzt fragen, wie es denn zu nur vier benachbarten Feldern kommen kann, da es beim Original doch (fast) immer neun sind. Die Entwickler von Tomy haben das ganze Spiel leider stark vereinfacht, die Bedienung aber verkompliziert. Hat man es beim Original noch mit quadratischen oder später großen Rechtecken zu tun, zieht man bei Pop-Up Pirate das Spielfeld fast unerträglich in die Länge, staucht aber die Höhe. Während das Spielfeld also nur drei Reihen hoch ist, erstreckt es sich über zwölf Felder in der Breite. Da nun die mittlere Ebene auch noch versetzt zu den beiden äußeren liegt, gibt es in der Mitte immer sechs Nachbarfelder, während ein Loch oben oder unten jeweils nur vier Nachbarn kennt. Wie man sich vorstellen kann, ist dadurch nicht nur das Spielfeld, sondern auch der Schwierigkeitsgrad und die Komplexität eingeschränkt. Das wird noch weiter durch das Zeitsystem gesteigert. Ist das Spiel beim Original vorbei, sobald man ein falsches Feld erwischt, werden einem hier nur 20 Sekunden abgezogen und es geht munter weiter. Für jeden erfolgreichen Stich gibt es hingegen drei Sekunden gutgeschrieben. Bei nur drei bis sieben gefährlichen Feldern kann man es sich zum Teil sogar leisten, einfach wild drauflos zu stechen. Spielbalance ist wahrlich etwas anderes.

Zu allem Überfluss ist die Bedienung umständlich. Das Original Minesweeper könnte behände auf die Wiimote und ihre Zeigefunktion übertragen werden, aber durch die „Fass“-Form des Spielfelds sieht man natürlich nicht alle Schwerter sofort und muss erst das Fass drehen, entsprechend entfällt das einfache Zeigen. Umständlich muss mit dem Steuerkreuz über die einzelnen Löcher navigiert und dann A gedrückt werden, bis man endlich mit der Wiimote zustechen kann. Selbst dann noch ärgert man sich über die leichte Verzögerung, die nach jedem (!) Einstich erfolgt, da man erst noch einen Nerv tötenden Erfolgsjingle präsentiert bekommt.

Leider kann auch der Mehrspielermodus keine Wunder mehr wirken. Wie die Einleitung es bereits andeutete, handelt es sich auch schon beim Brettspiel um ein simples Glücksspiel, auf das man selbst wenig bis gar keinen Einfluss hat. Daran ändert sich auch hier nichts. Bis zu vier Spieler können an einer Runde teilnehmen. Netterweise braucht man keine vier Fernbedienungen, sondern darf eine auch reihum geben. Fehlende menschliche Mitspieler dürfen durch einen CPU-Spieler ersetzt werden. Nachdem die Reihenfolge festgelegt wurde, geht es auch schon los. Die Spieler stechen nacheinander Schwerter in das Fass und hoffen, dass man den Kapitän nicht erwischt. Irgendwelche Hinweise, welches Loch die Niederlage bewirkt, gibt es nicht. Das Spiel basiert wirklich auf purem Glück und bietet sonst einfach gar nichts. Lediglich die sogenannte „Kapitänsherausforderung“ möchte das Spielgeschehen etwas auflockern. Die Kamera schwenkt dann zufällig bei irgendeinem Spieler plötzlich auf den Mann im Fass und ihr müsst die Wiimote nach oben, unten, links oder rechts schwenken, aber sicher in eine andere Richtung, als der Kopf blickt. Das ist am Anfang nicht nur verwirrend, sondern auch noch sterbenslangweilig. Wenn ihr verliert, müsst ihr – uh böse – nochmal zustechen, gewinnt ihr, müsst ihr gar nichts tun. Pädagogisch versagt das Spiel auf ganzer Linie, denn hier wird kein Sieger ermittelt, sondern der Verlierer. Das Spiel endet, sobald einer (der Verlierer) das falsche Loch erwischt. Damit ist eine Runde beendet. Na dann: „Prost!“. Grafisch dürft ihr eine saubere, bunte Cel-Shading Umgebung erwarten, die soweit in Ordnung ist. Abwechslung gibt es natürlich keine, die Animationen sind steif und die Charaktere detaillos, aber das geht für ein solches Spiel in Ordnung. Die Musik ist, wie nicht anders zu erwarten, karibisch angehaucht und erfüllt ihren Job. Dass sie auf Dauer eintönig ist, wird niemanden stören, denn niemand spielt hier auf Dauer.

Fazit:
Wenn das Original schon nur 7-Jährige etwas länger fesseln kann, dann wird die Videospielumsetzung erst Recht nicht besser werden. Die Idee, für den Einzelspielermodus auf das Prinzip von Minesweeper zurückzugreifen, ist zwar gut, aber die Umsetzung ist den Entwicklern einfach nicht gelungen. Das langgezogene Spielfeld von 12x3 Feldern eignet sich dafür einfach nicht, zumal man es durch die ganze Fass-Geschichte nicht komplett einsehen kann. Hier merkt man, dass Gameplay um Spieldesign gelegt wurde, was so einfach nicht funktioniert. Der Mehrspielermodus ist pures Glück und einfach langweilig. Dafür braucht niemand 5 Euro auszugeben, denn das gleiche Ergebnis erzielt man mit einer Tüte, 23 normalen Streichhölzern und einem eingefärbten. Wer dieses zieht, hat verloren. Sollte man an derartigem „Gameplay“ Gefallen finden, ist man entweder im einstelligen Alter oder in ähnlichen Promille-Regionen. (Hendrik)

Pluspunkte:
+ Minesweeper-Klon für Einzelspieler…
+ 1 Wiimote reicht für 4 Spieler
+ technisch solide

Minuspunkte:
- …mit viel zu geringer Komplexität
- umständliche Bedienung
- schwache Spielbalance
- Gameplay im MP quasi nicht vorhanden
- reine Glückssache im MP

Wertung:
Einzelspieler: 1,5
Mehrspieler: 1,0

Screenshot 1

Screenshot 2

Preis: 500 Nintendo Punkte

news@mag64.de (03.09.2009)

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